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Drei Vorträge zur Kulturgeschichte von Tod und Begräbnis

23.11.2017
Abschluss der Veranstaltungsreihe des Seniorenbeirats: „Wir unterstützend die Charta“

Monika Fecher eröffnete den Abend mit einem Vortrag zum Wandel in der jüngeren Niedernberger Geschichte. Bereits vor dem ersten der drei Vorträge, konnten Ausstellungsstücke des Geschichtsvereins betrachtet, die das Vereinsmitglied zusammengestellt hatte. Fecher erklärte anhand eines alten Plans die Lage des Friedhofs vor 1814, rund um die damals noch wesentlich kleinere Kirche, daher „Kerschhouf“. Eine Epidemie, eingeschleppt „von napoleonischen Truppen“ sei der Anlass gewesen für einen neuen Friedhof, damals außerhalb der Dorfmauer, heute im Ortskern gelegen. 1820 verschwand mit dem alten Kirchhof auch das „Beinhaus“ auf dem Kirchengelände. Heute steht dort das Pfarrbüro, früher als zweites Schulgebäude genutzt. Im Fundament vermauerte man die alten zertrümmerten Grabsteine. Auch Details des „Versehgangs“ wurden berichtet. Noch bis 1964 wurde der Pfarrer hierbei von zwei Ministranten begleitet. Die geweihte Hostie für den Sterbenden mitführend, mussten sich alle, die Pfarrer und Hostie begegneten hinknien und ein kurzes Gebet zu sprechen. Neben vielen weiteren Aspekten und auch Anekdoten illustrierte die Geschichtsbegeisterte den Wandel der Sterbebilder in Niedernberg, hier Bilder um 1900:

 

Begräbniskultur im alten Rom

Benedikt Regh, Student der Archäologie, vertiefte die Römerzeit, als Teil der Geschichte der Limes-Gemeinde Niedernberg. Der Tod wurde zu dieser Zeit durch „mehrmaliges Rufen
des Namens“ festgestellt. Vor der Verbrennung wurde zudem ein Finger abgetrennt und vergraben, um den Boden zu weihen, so der Student der Archäologie.  Für Sklaven gab es im alten Rom zunächst nur „Körperbestattungen“ in Massengräbern. Das wohlhabende Bürgertum entwickelte seine Grabkultur von der Brandbestattung weiter zu

Körperbestattungen in Sarkophagen, etwa ab der 2. Jahrhundert. Folgend wurden die bekanntesten Grabstätten des alten Rom vorgestellt. Beispielsweise stand Trajan noch bis zum Mittelalter auf der gleichnamigen Säule. Die Goldstatur des Kaisers wurde im Mittelalter eingeschmolzen und durch eine Petrus-Darstellung ersetzt.  

Nach den zwei kürzeren Vorträgen folgte zum Abschluss eine Präsentation gespickt mit Filmausschnitten und Tonbeiträgen:

Kulturgeschichtliche Zusammenhänge - „Wir begraben unsere Toten!“
Sascha Papke zitiert zunächst aus dem Science-Fiktion-Film Terminator. Sein Vortrag spannte einen weiten Bogen von den ersten Anfängen der Totenbestattung in der Steinzeit bis hin zum modernen, gesetzlich geregelten Bestattungswesen. Der Kulturhistoriker hob das Totenbegräbnis als spezifisch humanes Verhalten hervor. Die Praxis der Bestattung sei eine anthropologische Konstante und als solche transkulturell, d.h. in allen Kulturen vorhanden, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungsformen.

Bestattungsrituale aus der altägyptischen, persischen, griechischen, römischen und germanischen Kultur verdeutlichten Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Umgang mit dem Tod und in den jeweiligen Jenseitsvorstellungen. So sei der Glaube an ein Leben nach dem Tod eines der wichtigsten Merkmale der altägyptischen Kultur. Er bestimmte den mitunter erheblichen Aufwand für die Toten wie Mumifizierung und imposante Grabbauten. Der Begriff der Seele erscheine indes erst bei den Griechen klar umrissen, wo sie sich beim Tod vom Körper löse, um ins Totenreich „Hades“ einzugehen.

Im Mittelalter dominiere die im Judentum, Christentum und Islam gebotene Erdbestattung. Die Kirche und der sie umgebende Kirchhof bildeten das Zentrum der Siedlung. Die Toten befänden sich räumlich und symbolisch „inmitten der Lebenden.“

Im Laufe der Moderne wurden Friedhöfe vom Zentrum in die Peripherie verlegt. Seit einigen Jahrzehnten sei zudem ein Wandel der Bestattungskultur zu beobachten. Traditionelle Begräbnisse wichen immer mehr individualisierten Formen der Beisetzung. Der Verlust religiöser und traditioneller Werte führe zu einem Mentalitätswandel und zu einer weniger stark normierten Trauerkultur. Dies ermögliche ein variantenreiches Nebeneinander von der Diamant-, Luft-, und Seebestattung bis hin zur Weltraumbestattung. Eine Folge sei das „Sterben der Friedhöfe“.

Abschließend beleuchtete der Referent den Tod von philosophischer Seite: „Macht es einen Unterschied, überhaupt existiert zu haben oder nicht?“ Der Science-Fiction-Klassiker Blade Runner statt nun Pate. Der sterbende Protagonist resümiert bedeutende Erfahrungen seines Lebens mit den Worten: „All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.“ Diese Existenzauffassung der ultimativen Verlorenheit stellte Papke die Anthropologie von Viktor Frankl gegenüber. In seinem „Scheunengleichnis“ bezeichnete der Wiener Psychiater das „Vergangen-Sein als die sicherste Form des Seins“, da es nicht mehr aus der geschichtlichen Wahrheit herausfallen könne:

„Was ein Mensch je in seinem Leben Sinnvolles gewirkt und Wertvolles erlebt hat, ist in der Scheune seiner Lebensernte unverlierbar geborgen.“

 

Kategorien: Soziales & Gesundheit - Senioren